Was ist Neu | Aktuelles | Sitemap | Impressum | Kontakt

Über den Ursprung der Bürgerschützen Montjoie 1361 bis 1800, von Pejo Weiß

Belagerung der Burg Montjoie 1543 durch den Prinzen Renatus von Oranien
  • Im Jahre der Wiederbelebung des Monschauer Schützenvereins, 1952, gab man ihm auf Anregung seines ersten Nachkriegspräsidenten Dr. Ludwig Mathar den Namen »Bürgerschützen Montjoie 1361«.
  • Mit der Bezeichnung »Bürgerschützen« wollte man an die Tradition der Schützen als Verteidiger der Heimat anknüpfen. Diese in der Heimatgeschichte wurzelnde Überlegung kommt auch in der Zusatzbezeichnung »1361« zum Ausdruck. Zur Zeit der Wiederbelebung des Vereins wussten die Heimatforscher von keinem früheren Jahr, in dem in auffindbaren Urkunden von Monschau als Stadt die Rede war. Da aber zu einer mittelalterlichen Burgstadt, so Dr. Mathar, bewaffnete Bürger zu deren Schutz und zur Verstärkung der Schlossbesatzung gehörten und der Verein an eben diese Bürger und Schützen einer bedeutenden Zeit der Herrschaft Monschau anknüpfen wollte, gab man dem Verein diesen Namen und diese Jahreszahl. Spätere Forschungen machen als Stadtwerdungsjahr 1352 oder 1353 wahrscheinlicher. Monschau könnte also in diesem Jahr 2002 nicht nur das 50jährige Jubiläum der Wiederbelebung des Monschauer Schützenvereins feiern. sondern auch das 650. Jahr der Stadtwerdung.

  • Über die Aufgaben und Pflichten der Bürgerschützen im späten Mittelalter als Verteidiger von Burg und Stadt sind wir informiert. Der Kern dieser Bürgerwehr waren die mit einer Schusswaffe ausgerüsteten Einwohner. Aus den Monschauer Rent‑ und Forstmeisterrechnungen ist bekannt, dass 1586 beschlossen wurde, »zwei oder drei Tonnen Pulver« im Schloss zu lagern, damit es »im Notfall an die Schützen und die Bürger verteilt werden« konnte. Zwar liegen keine Unterlagen aus der Zeit vor 1400 vor, doch bestätigte Herzog Wilhelm zu Jülich und Berg am 31. März 1476 die alten Freiheiten, das alte Recht, das alte Herkommen und die guten Gewohnheiten, die die Bürger seit langen Jahren in Besitz hatten und brauchten.

  • Diese Monschauer Freiheit von 1476 geht also von lange vorher gegebenen Rechten aus, deren Bedeutung aus Dokumenten von 1516 und besonders von 1610 hervorgeht. Hiernach musste jeder, der eine Waffe tragen konnte, dem Landesherrn folgen und gehorsam sein, wenn dieser zum Sturm läuten ließ. Die bürgerlichen Schützen hatten ihre Aufgaben zunächst an den Stadttoren und Mauern. Allerdings waren sie grundsätzlich dem Schloss unterworfen »wie von Alters her der Brauch« (1516). Daraus ist zu entnehmen, dass eine solche Bestimmung auch schon vor diesem Zeitpunkt existierte, sicherlich auch vor dem Jahr 1476, dem frühesten nachweisbaren Datum. Sie geht auf die angesprochenen Pflichten der Bürger als Schützen und Verteidiger der Heimat ein und bestätigt ausdrücklich bereits vorher gegebene Privilegien. Sie dürften in der Tat also erstmals mit der Stadtwerdung ausgesprochen worden sein, also 1353.

  • Für die spätere Zeit haben wir mehrere Dokumente, die dies bestätigen. In regelmäßigen Abständen erinnerte der Schultheiß an die »Bürgerpflichten«. So im Jahre 1600 und vor allem im Jahre 1612, als ein neues Verzeichnis aufgestellt wurde. Hier heißt es ‑ in unsere Sprache übertragen ‑ wörtlich: »Erstens: Die Bürger sind verpflichtet, an ihren Stadttoren und Freiheiten zu stehen und dieselben zu verteidigen mit Leib, Gut und Blut, wenn es die Not erfordert, wie es ehrlichen Bürgern ansteht; sie müssen die Tore und Befestigungsanlagen im Bau erhalten und dafür die Steuern der Stadt und andere Ausgaben aufwenden, wie das von »alters her bräuchlich« ist. Ferner wird den Bürgern auferlegt, wie seit alten Zeiten den Helfern des Landesherrn beizustehen, wenn diese schwach wären, einen Verbrecher festzunehmen . . .« Dafür erhielten die Bürger gewisse Freiheiten: Sie konnten sich notwendiges Brand‑ und Bauholz im Wald holen; sie konnten als erste die Schweinetriften im Wald aussuchen und wurden dadurch den Bauern vorgezogen; die Bürger durften »wie von altersher, vor Menschengedenken« ihr Vieh überall zum Weiden treiben, durften (außer in der Rur) in allen Gewässern fischen usw. Ja, sie hatten sogar ein gewisses Asylrecht: Man konnte einen Bürger nicht ohne weiteres gefangen setzen, und was innerhalb der Stadt gelegen war, durfte ohne Einwilligung der Bürgerschaft auch vom Landesherrn nicht weggenommen werden.

  • Aus der umfangreichen Literatur über Angriffe auf Stadt und Schloss Monschau seien einige Daten herausgestellt. Allerdings gilt auch hier: In den wenigsten Fällen ist eine schriftliche Bezeugung der Teilnahme von Bürgerschützen bekannt, aber aus der absoluten Unterworfenheit unter den Landesherrn, wie aus dem Dokument von 1612 hervorgeht, muss auf die aktive Mitwirkung der Bürger bei der Verteidigung ihrer Heimat geschlossen werden. In der Schlacht von Konzen im Jahre 1400 haben sie nachweislich die Freiheit ihres Landes verteidigt. Bei einer Burgbelagerung durch die Truppen des Abtes von Malmedy unternahmen die Monschauer einen Ausfall aus der Burg und warfen die Malmedyer bis in die Konzener Tiefebene zurück. Hier fand dann die blutige Schlacht statt, in welcher die Fremden angeblich 300 Tote ließen und die übrigen zu Gefangenen gemacht wurden.

  • Kurz nach der Stadtwerdung begann ein Erbfolgestreit, in dem eine Fehde die andere ablöste. Immer aufs neue wurden Stadt und Burg von den Feinden berannt. Wie die Koelhoffsche Chronik zum Jahre 1486 berichtete, »belacherte der herzog von Guilche ind sin lantschaf dat slos van Moensauwe umbtrint 4 wechen«. Am schlimmsten wirkte sich die Jülicher Fehde aus. 1543 unternahm von St. Vith aus eine kaiserliche Abteilung Einfälle in das Monschauer Land. Der Jungprinz Renatus von Oranien mit seinen Brabantern umzingelte Burg und Stadt. Von der Haag aus nahmen die Soldaten nach heftigem Kampf und langer Belagerung Monschau ein. Dass damals Bürger im Einsatz waren, kann nachgewiesen werden: einmal aus der zeitgenössischen Beschreibung der Eroberung, dann aber auch aus einer noch vorhandenen Zeichnung, deren Genauigkeit (Burg, Haller. Brücken) das Bild als Dokument eines Augenzeugen ausweist. Nach der Zeichnung ist die Stadt leer und teilweise zerstört, doch aus den Schießscharten der Burg dringen Pulverwolken, im Burghof rennen Schützen hin und her. Über die Rurbrücken marschieren die Truppen.

Ein auf der Burg stationierter Offizier zeichnete dieses Blatt 1766, wobei er die Bürgerhäuser im Tal als Winzigkeit wiedergab und die Burg gewaltig vergrößerte.
  • Weitere Einsätze der Bürgerschützen: Am 16.  Dezember 1648 versuchte die »Armada« einen Sturm auf das Monschauer Land. Burgbesatzung, Bürgerschaft, der Bauernsturm der Vennhöhen und des Kornelimünster Landes stellten sich ihnen entgegen. Auf Kalterherbergs ummauerten Friedhof starben 56 Landsleute. Diese Schlacht stand 280 Jahre später im Mittelpunkt des Heimatspiels »Land in Not«. In der Stadt hatte sich ein Wandel vollzogen: Das Schloss besaß schon wenig später als Festung keine Bedeutung mehr, es wurde Invalidenheim und Staatsgefängnis. In der Stadt aber lebte die Tuchmanufaktur auf, die Monschau (und die Schützen) zu einer neuen Blüte führen sollte.

  • Bereits von 1718 datiert die älteste noch erhaltene Königsplakette, weniger als 30 Jahre nach der letzten Belagerung. Möglicherweise stand das Schießen in Verbindung mit einer katholischen Bruderschaft, da der König am Kirchweihtag ausgeschossen wurde. Aber es existiert keinerlei Nachweis darüber, obgleich wir über andere Bruderschaften Monschaus informiert sind. Andererseits ist bekannt, dass die Schützen die Prozessionsordnung übernahmen und mit brennenden Lampen das Allerheiligste begleiteten. Gegen eine katholische Schützen-Bruderschaft spricht die Tatsache, dass 1766 der Protestant Wilhelm Scheibler König wurde.

  • Barkhausen berichtet in seinem Buch »Die Tuchindustrie in Montjoie« eine Begebenheit, welche die Mitwirkung der Bürgerschützen an der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung belegt:

    ......Am 8. Dezember 1762, am Tage Maria Empfängnis, kam es dann zu offenem Tumult. Als an diesem katholischen Feiertage die protestantischen hochdeutschen Scherer zur Arbeit erschienen, wurden sie von einer großen Volksmenge mit Gewalt aus den Scherwinkeln herausgeholt und jämmerlich verprügelt...
    ....Die hochdeutschen Scherer retteten sich schließlich aufs Schloss und fanden bei der kurfürstlichen Besatzung Schutz.
    ......Der weitere Verlauf des Streites gibt uns nun ein köstliches Bild der guten alten Zeit in einer Kleinstadt. Vom Bürgermeister im Stich gelassen, wandten sich die Fabrikanten an den kurfürstlichen Schlosshauptmann. Dieser bot denn auch zur Herstellung der Ruhe die Bürgerschützen auf und gab den Befehl, die Rädelsführer zu verhaften. Aber der Herr Schützenhauptmann war ein Wirt und lehnte es ab, den Befehl auszuführen, da die Scherer bei ihm ihre Zeche hätten und er sich sein Geschäft für immer ruinieren würde.....
    .....Am 20. Dezember rückte eine Kompagnie unter Führung des Freiherrn von Hatzfeld in Jülich ab und traf am Weihnachtstage in Monschau ein. Sie brauchte also für 55 km von Jülich nach Montjoie ganze 5 Tage!
    Äußerlich war nun die Ruhe schnell hergestellt.....
    .....Am 4.Februar 1764 wurde eine Kommission unter der Leitung des Geheimen Rats von Buininck eingesetzt, die durch Normalverordnung den Streit schlichtete.


  • Neben religiösen und zusätzlichen geselligen Veranstaltungen ‑ dazu gehörte der Königsschuss   -  gab es auch andere Aufgaben für die Bürgerschützen, vor allem den Wachdienst. Dazu waren die Schützen wie in uralten Zeiten in drei Kommandos aufgeteilt: Stadt, Lauff und über der Rur. Jeder Schützenzug hatte eigene Offiziere. Dass mit diesem Wachdienst eine Tradition weitergeführt wurde, ist nicht zu bezweifeln. Bereits im Weistum von 1549 wird die Scharwacht unter »alter Gewoinheit« aufgeführt. Erst mit dem Einzug der Franzosen 1789 wird die Scharwacht den Schützen abgenommen und nach dem Motto »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« allen Bürgern auferlegt.

  • Die Preußen übernahmen diese Einrichtung und führten außerdem noch eine Bürgermiliz ein. Noch 1821 beschloss der Stadtrat (laut Stadtchronik), es bei der bestehenden Einrichtung zu belassen. Man hatte damals einen besoldeten Nachtwächter, dem täglich 10 Mann zur Patrouillierung jeder Stunde der Nacht zugegeben waren. ‑ Im Gegensatz zum freiwillig übernommenen Dienst klappte diese Einrichtung durchaus nicht zur Zufriedenheit der Stadtväter. 1845 hörte die Bürgerwache auf. Die Bürgerschützen hatten seit den Pflichtwachen nichts mehr damit zu tun.

  • Ludwig Mathar tat also recht daran, als er bei der Neugründung 1952  empfahl, den Verein »Bürgerschützen« zu nennen und an die Jahrhunderte alte Tradition anzuknüpfen.