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Die Chronik des Schützenvereins Montjoie von 1800 bis zu seiner Auflösung 1938, von Albertus Mathar

  • Am 24. April 1793 werden per Dekret alle Schützengesellschaften im Roer-Departement von der französischen Revolutions-Regierung verboten. 1792 war auch Monschau wie das gesamte linke Rheinufer zu Frankreich gekommen. Die französische Revolutionsregierung war durch ihre erpresserischen Steuern und Abgaben äußerst unbeliebt. Das änderte sich ab 1799, als Napoleon Bonaparte erster Konsul wurde und Recht und Ordnung in Verwaltung und Wirtschaft wieder einkehrten.

Kaiser Wilhelm II. bei seinem Besuch in Monschau 1911. S.M. blieben nur 20 Minuten

So wurde ab 1800 auch wieder auf den Königsvogel geschossen. Ja, außer am Kirmestag wurde auch seit 1803 am 15. August zu Ehren seiner Majestät des Kaisers Napoleon ein Schützenkönig ausgeschossen. Dieses Schießen fand bis 1854 parallel zum eigentlichen Kirmesschießen statt, ab 1818 zu Ehren des preußischen Königs. Für dieses Schießen wurde eine silber-vergoldete Platte mit Inschrift gestiftet. An dieser Platte war ebenfalls aus vergoldetem Silber der napoleonische Adler befestigt, an dem wiederum die vergoldeten Wappenschilde mit den Namen der Schützenkönige angehängt waren. Diese Kette ist auch heute noch Teil des Schützensilbers. Eine Analyse dieser Könige zeigt, dass hier überwiegend das gehobene Bürgertum, meistens Fabrikanten, vertreten waren. Kein Wunder, denn es wurde ein hohes Start– und Schießgeld erhoben, um die Plaketten in vergoldetem Silber bezahlen zu können.

Auch nach 1815, als Monschau unter preußische Verwaltung kam, wurde das Königsvogelschießen weiterhin durchgeführt. Es gab kurioserweise von 1803 bis 1854 jeweils 2 Schützenkönige. Einer wurde um den 15. August zu Ehren des Landesherrn und der zweite um den 8. September auf Kirmes ausgeschossen. Beide Schießen wurden bis 1832 durch die Stadt Monschau, den damaligen Bürgermeister Schloemer organisiert. Erst 1832 wurde der Schützenverein wieder begründet und am 25.Juli 1834 wurde eine neue Satzung und Schießordnung verabschiedet. Diese Satzung ist in vielen Punkten, wie z.B. Aufnahme der Mitglieder durch Ballotage, auch noch mit der heutigen Satzung identisch. Sie zeigt aber auch den Dünkel des arrivierten Bürgertums, wenn sie die Teilnahme an Festlichkeiten verbietet »dem Gesinde und allen Dienstboten, selbst wenn solche Kinder oder Anverwandte eines Mitglieds sein möchten

  • Die erste Mitgliederliste datiert vom 28.Juli 1838. Damals waren 101 Monschauer Mitglieder im Verein. Erwähnenswert ist, dass 1844 wegen eines Weberaufstandes, der durch preußisches Militär aus Malmedy niedergeschlagen werden musste, kein Kirmeskönig aber dennoch ein Landesvater-König ausgeschossen wurde. Während der demokratischen Revolution 1848 veranstaltete der Schützenverein am 6.August eine Huldigungsfeier für den Reichsverweser Erzherzog Johann von Habsburg. Dieses demokratische Zwischenspiel war allerdings nur von kurzer Dauer.

    Am 3. August 1848 gründeten die katholischen Mitglieder des Schützenvereins eine St.Sebastianus-Bruderschaft. Dazu heißt es in deren Statuten:

    Da schon längst in der Kreisstadt Montjoie das Bedürfniß empfunden worden war, eine Verbrüderung zur Beförderung der Zwecke unserer katholischen Kirche, insbesondere zur Ausübung christlicher Liebeswerke zu besitzen, so wurden die katholischen Mitglieder des hiesigen Schützenvereins, welche schon früher bei den feierlichen Processionen das Hochheiligste Gut mit brennenden Wachskerzen begleitet hatten, im Jahre 1848 darin einig, eine solche Verbrüderung unter dem Namen „St.Sebastianus-Bruderschaft“ zu bilden.

  • Diese Bruderschaft war also keine Konkurrenz zum Schützenverein, sie diente rein kirchlichen und sozialen Zwecken. Sie fungierte auch als Sterbekasse und begleitete ihre Mitglieder zur letzten Ruhe. In dieser Funktion besteht sie auch noch heute.
    Bis zu den preußischen Siegen 1866 gegen Österreich und 1871 gegen Frankreich waren die Preußen in Monschau, wie auch im ganzen Rheinland, nicht übermäßig beliebt. Aber nichts ist erfolgreicher als der Erfolg und so wandelte sich nach 1866 reservierte Zurückhaltung in begeisterten Patriotismus. Das war natürlich erst recht der Fall im Schützenverein wegen seiner zahlreichen Mitglieder, die preußische Beamte waren. Schon 1866 hatte der Verein ein eigenes Siegesfest veranstaltet und lehnte es ab, sich an einem allgemeinem Festzug zu beteiligen. Das führte zum Rücktritt des Chefs und zu einer Krise, die erst 1868 beigelegt werden konnte.
    Höhepunkt der patriotischen Verehrung war der Königsschuss Kirmes 1871, wo der Fabrikant Jansen den Vogel für seine Majestät Kaiser Wilhelm I. herunter holte. Der Vorstand schreibt nach Berlin:
    Seiner Majestät, dem Kaiser und König Wilhelm I. in Berlin!
    Mit dem Ehrenschusse, welcher der alten Sitte gemäß vom hiesigen, seit mehreren hundert Jahren bestehenden Schützenvereine, bei seinem jährlich wiederkehrenden Königsvogelschießen für unseren allergnädigsten Landesvater geschieht, ist der Königsvogel heute vom 1ten Beigeordneten der Stadt, Herrn Fabrikanten Jansen für Euer Kaiserl. Königl. Majestät gefällt worden, ein Ereigniß, das uns mit Jubel erfüllt und dem Vereine für alle Zeiten eine ruhmvolle Erinnerung sein wird.
    Der Verein erlaubt sich in tiefster Ehrerbietung Euer Kaiserl. Königl. Majestät seinen Festesgruß zu übersenden, Hochdieselben um die Gunst bittend, Euer Majestät als unsern Schützenkönig begrüßen und den Ehrenpreis, eine goldene Medaille, zu Hochderer Verfügung stellen zu dürfen.
    In treuer Liebe für ihren allergnädigsten Kaiser und König ersterben Vorstand und Mitglieder des Schützenvereins zu Montjoie.
    Absender Wilhelm Braun, Chef des Schützenvereins.

    Als Antwort kommt am 14. September 1871 eine Depesche aus Baden-Baden, wo sich Wilhelm I. auf einer Reise befand:
    Vorstand des Schützenvereins Braun, Montjoie!
    Majestät nehmen die Schützenkönigswürde an, überlassen die goldene Medaille als Ehrenpreis Herrn Fabrikanten Jansen.
    Wilmowski, Kabinettsrat

    Zusätzlich erhält der Vorstand am 18. September eine silberne Medaille zur Erinnerung.

Kirmesaufmarsch 1903: An der Spitze Chef Dr. Breuer, dahinter Kommerzienrat Bernhard Scheibler, König Paul Hohn und Bürgermeister Breuer
  • Als Krönung der vaterländischen Begeisterung bittet der Verein den Kaiser um Überlassung von zwei Kanonen, um Salut schießen zu können. Das Kriegsministerium überlässt daraufhin dem Verein zwei 8cm gezogene bronzene französische Gebirgskanonen aus der Kriegsbeute, samt zwei Lafetten und Protzen zum Preis von 150 Thalern. Es schließt sich dann noch ein Streit mit den anderen Ortsvereinen an, da der Schützenverein die Kanonen nur bei eigenen Veranstaltungen gebrauchen wollte.
  • Diese Kanonen wurden als Dekoration vor der Schützenhalle am Burgau aufgestellt und fanden letztlich ihren Platz auf der Burg, wo sie rechts und links neben dem Eingang zu den Kellergewölben standen. Im ersten Weltkrieg wurden sie vergraben, um sie dem Zugriff der Besatzung zu entziehen.  Im zweiten Weltkrieg sind sie dann verloren gegangen.
  • Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 verlief der Alltag in Monschau, damals Montjoie, in geordneten Bahnen. Die Tuchindustrie, noch immer die bestimmende Wirtschaftskraft, hatte zwar ihre Blütezeit hinter sich, aber der Fremdenverkehr gewann immer mehr an Bedeutung. 1900 schreibt der „Stadt- und Landbote“: Bei der Abfahrt des Abendzuges am Pfingstmontag konnte der Bahnsteig die Menge kaum fassen.
    Das Jahresprogramm des Schützenvereins ist in all diesen Jahren fast immer gleich. Beispielhaft dafür das Jahr 1900:
    Am 26.Februar Maskenball im Hotel Horchem - Generalversammlung mit Ballotage am 3. Mai — am Pfingstmontag, den 4.Juni Preisvogel-Schießen und Sommerfest auf der Burg  -  auf Kirmes Samstag, den 8. September, Zapfenstreich und Generalversammlung, Sonntagmorgens Morgenkonzert, nachmittags Preisvogelschießen, Montagnachmittags Königsvogel-Schießen, abends Königsball im Casino-Saale, Dienstagmorgens Konzert auf dem Schloss, nachmittags Preisvogelschießen, abends Vereinsball im Hotel Horchem.

    Der Verein hatte 86 Mitglieder, Präsident oder Chef war der Arzt Dr. Hermann Breuer, Schützenkönig war 1900 der Land– und Gastwirt Josef Dalmisch. In der Mitgliederliste finden wir den Oberpfarrer Dr. Pauly, den Landrat v. Guerard, den Bürgermeister Breuer, Forstmeister, Notar, Amtsrichter und Kreisphysikus, Beamte, Handwerksmeister und Fabrikanten.
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Antreten auf dem Schulhof im Rosenthal in den dreißiger Jahren mit Schützenkönig Albert Mathar
  • Herausragendes Ereignis dieser Zeit war der Besuch Kaiser Wilhelms II. in Monschau am 18. Oktober 1911, an dem der Schützenverein auch an der Spalierbildung teilnahm. Seine Majestät besuchten das Rote Haus nahmen mit Kommerzienrat Bernhard Scheibler den Tee ein, hielten es aber nicht für nötig, sich den Bürgermeister vorstellen zu lassen. Die Presse schrieb: Wir haben unsern Kaiser gesehen und einen erwärmenden Hauch seiner hohen Würde und weltumfassenden Macht in unseren Herzen verspürt. Es hatte die Verehrung für Seine Majestät auch nicht gemindert, daß Wilhelm II. die ihm angetragene Würde des Schützenkönigs 1888 mit einer Order des Geheimen Civil-Cabinetts am 6. Januar abgelehnt hatten.
  • Am Vorabend des großen Krieges wurde 1914 vom 13. bis zum 15. Juni ein großes Heimatfest gefeiert, zu dem die Monschauer aus aller Welt eingeladen wurden. 277 Personen besuchten ihre alte Vaterstadt. Der Schützenverein nahm natürlich an allen Veranstaltungen teil. Er war auch maßgeblich an der Organisation des Festes beteiligt, wie die Namensliste des Festkomitees zeigt, dessen Mitglieder fast alle dem Schützenverein angehörten.

  • Während des Krieges ruhte das Vereinsleben. Erst 1920 fanden an den Kirmestagen wieder Veranstaltungen statt, es wurde jedoch noch kein Schützenkönig ausgeschossen. Der Verein suchte ab 1921 wieder an seine Tradition vor 1914 anzuknüpfen. Zum Mindesten wurden die Kirmesfeierlichkeiten wie in alter Zeit abgehalten. 1921 musste mit Luftgewehr auf einen Gipsvogel im Saale geschossen werden. Im Inflationsjahr 1923 fielen die Veranstaltungen zu Kirmes außer einer Generalversammlung und einem Frühschoppen aus. 1938 veranstaltet der Schützenverein die Monscher Kirmes zum letzten Mal vor dem Zweiten Weltkrieg nach alter Tradition.

  • Nach den schweren Jahren des wirtschaftlichen Niedergangs mit Inflation und Arbeitslosigkeit, mitverursacht durch die Grenzlage, ist es verständlich, dass die Mehrheit meinte, mit der Machtergreifung der Nazis 1933 könne es nur besser werden. So wurde auch 1933 ein Obersturmbannführer der SA zum »Führer« des Schützenvereins gewählt. Doch schon nach einem Jahr 1934 bekamen die konservativen Kräfte im Verein wieder die Oberhand und ein neuer Vorstand mit Josef Weiß und Hubert Salzburg an der Spitze bemühte sich mit diplomatischen Geschick, den Verein aus der Politik herauszuhalten und sich auf die Pflege der alten Traditionen zu beschränken. Durch Eintritt in den Dachverband der Sebastianus  -  Bruderschaften versuchte man, der Zwangsmitgliedschaft im Deutschen Schützenbund zu entgehen. 1936 musste der Verein aber doch letztlich, um einer Liquidierung zu entgehen, dem Deutschen Schützenbund beitreten. Mit Kriegsbeginn 1939 erlosch dann das Vereinsleben, die Kirmes wurde nicht mehr gefeiert. Josef Weiß konnte die schriftlichen Unterlagen des Vereins, die Fahne und den Ehrendegen durch die Kriegswirren retten. Erst 1952 wurde dann der Schützenverein als »Bürgerschützen Montjoie 1361« wieder begründet.

Inthronisierung des Schützenkönigs Josef Weiß 1938